„Es findet sich für jeden Bullshit ein Markt“


„Es findet sich für jeden Bullshit ein Markt“

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Süddeutsche Zeitung – Karriere – 10. Mai 2019

„Im Arbeitsleben sind wir keine Familie“

Der Autor und Philosoph Reinhard K. Sprenger hält wenig von der heutigen Arbeitskultur. Ein Gespräch über Ehrgeizlinge als Führungskraft, zartbesaitete Angestellte und warum Jahresgespräche nur Erniedrigungsbürokratie sind.

Von Bettina Weber

SZ: In den meisten Firmen müssen sie geführt werden, obschon sie kaum jemand mag und sie meist nur eine lästige Pro-forma-Übung sind: die Jahresgespräche. Weshalb wird trotzdem an ihnen festgehalten?

Reinhard K. Sprenger: Die Jahresgespräche sind ein Sieg der Bürokratie über die Marktdynamik, der Ordnung über die Vernunft. Sie sind veraltet, behäbig und gehören abgeschafft.

Wieso denn das?

Sehen Sie, die Idee der Jahresgespräche entstand in den Fünfziger-, Sechzigerjahren im Rahmen der damaligen Humanisierung der Arbeitswelt. Man hatte gemerkt, dass die Menschen zu wenig miteinander reden, obschon das wichtig wäre. Man hatte auch gemerkt, dass das an der Sozialallergie der Vorgesetzten lag …

… Sozialallergie?

Ja, die meisten Vorgesetzten waren aufgestiegene Sachbearbeiter. Sie hatten keine Lust, mit Mitarbeitern zu sprechen. Was man ihnen nicht vorwerfen sollte, weil Personalverantwortung früher die einzige Möglichkeit war, Karriere zu machen. Da war natürlich jeder im Unternehmen fehlmotiviert. Und irgendwann hatte man auch den letzten Sozialallergiker auf einem Führungsjob. Mitarbeitergespräche waren insofern eine Form der Reparaturintelligenz.

Was ist daran denn so falsch?

An einem erzwungenen, ritualisierten und standardisierten Gespräch ist alles falsch. Das ist kein Gespräch, das ist Erniedrigungsbürokratie, von beiden Seiten als lästig empfunden. Und vom Inhalt her ist es sowieso eine Katastrophe, weil es einzig und allein dazu dient, die autistische Logik der Personalabteilung zu befriedigen: Man blickt ja nur nach innen ins Unternehmen, nicht nach außen. Der Kunde hat rein gar nichts davon. Da werden Kosten erzeugt, die uns draußen am Markt und in der Lebensqualität der Kunden keinen Meter weiterbringen.

Und wenn über Verbesserungsmöglichkeiten gesprochen wird?

Bei einem Jahresgespräch wird Feedback gegeben. Feedback sagt aber vor allem etwas über den Feedback-Geber aus, nicht über den Feedback-Nehmer. Der Empfänger bekommt daher vor allem zu verstehen, wie er sich am besten anpasst, was er tun muss, um dem Chef zu gefallen. Die Feedbäckerei ist eine riesige Konformitätsmaschine. Das Resultat sind menschliche Anpassungsruinen. Damit wird niemand den Wettbewerb der Zukunft gewinnen.

Sie stellen grundsätzlich eine Infantilisierung der Arbeitswelt fest. Inwiefern?

Fragen Sie sich selbst: Welche Managerin weist eine Förderung „als Frau“ zurück, weil sie sich nicht benachteiligt fühlt und das Geschlecht als Leistungskriterium für untauglich hält? Welcher Mann verweigert sich Coaching-Maßnahmen, die oft Veranstaltungen zur Abarbeitung unerwünschten Männlichkeitsverhaltens sind? Wer besteht auf seiner Autonomie – und lässt sich weder „Werte“ noch „Führungsstil“ noch „Identifikation“ aufzwingen? Wer besteht auf seiner Gesundheit als Privatsache, die er nicht vom Unternehmen „fördern“ lassen will?

Aber auf Augenhöhe zu sein, wird doch großgeschrieben, viele Firmen führen deswegen das Du ein.

Damit geht etwas sehr Wichtiges verloren: der Prozess der Intimitätszunahme oder auch der Intimitätsverweigerung. Das ist übergriffig und kulturell naiv. Vor allem kommt es zu einer kommunikativen Verflachung im Dienst eines miefigen Gleichheitsideals. Im Arbeitsleben sind wir eine Leistungspartnerschaft, keine Familie.

Vorgesetzte sollen heute aber loben, motivieren, Feedback geben – das klingt nach einem Eltern-Kind-Verhältnis. Geht das in dieselbe Richtung?

Es entsteht gerade ein neues Bild der Gesamtgesellschaft, ich nenne es „Fürsorgliche Belagerung“. Politik und Unternehmen dringen damit in Bereiche ein, die man früher Privatleben nannte. Diese Übergriffigkeit schwächt die Menschen, hält sie klein. Das ist besonders beobachtbar bei der Generation Schneeflocke, also den Jungen, die auf alles so zartbesaitet reagieren. Die kippen schon beim Bewerbungsgespräch in ein Burn-out. Tatsächlich aber leiden sie an Misserfolgsarmut.

Was ist das?

Kein Superlativ scheint heute groß genug, um Kindern ein Ego einzuimpfen, von dem man eigentlich nur noch herunterpurzeln kann. Diese Kinder hören nie: „Das reicht nicht!“ oder: „Das war Mist!“ Sie wachsen in einem Klima der Überfürsorge auf – und genauso wollen sie dann später im Unternehmen behandelt werden. Die wollen ja auch kein Mitarbeitergespräch, die wollen gelobt werden. Kaum jemand sagt ihnen, dass es bei der Arbeit nicht ums Wohlfühlen geht, sondern um Leistung und Gegenleistung.

„Es findet sich für jeden Bullshit ein Markt“

Keine guten Aussichten.

Die Situation wird sich wieder ändern. Sobald die Digitalisierung die Jobs verknappt, schlägt das Pendel zurück. Dann werden diese Übersensibilitäten sehr schnell zur Seite gelegt werden. Zudem bin ich überzeugt, dass in uns allen ein „happy workaholic“ steckt: Wir wollen arbeiten, etwas erreichen, etwas bewegen.

Aber bis dahin sollen wir nicht nur schön angepasst sein, sondern auch total positiv.

Richtig. Was fatal ist, denn die Folgen können verheerend sein. Ich habe Bekannte in Los Alamos, New Mexico, wo auch für die Nasa geforscht wird. Das Challenger-Unglück von 1986 ist immer wieder Thema. Das Drama war eine Folge davon, dass keine Zweifel geäußert werden durften, um nicht als negativ zu gelten. Und so sagten kluge Köpfe Ja zu Dingen, die sie aus fachlicher Sicht nicht gutheißen konnten. Das war der Hauptgrund, weshalb es zur Katastrophe hatte kommen können. Deshalb: Nichts ist schlimmer für ein Unternehmen als hochangepasste Jasager.

Dann müsste es aber vielen Firmen miserabel gehen, weil, mit Verlaub: Wo sind sie denn, die Punks?

Kluge Menschen haben in dummen Organisationen keine Chance. Unangepasste noch weniger. Entweder sie legen sich hin oder gehen wieder. Dabei würde es sich lohnen, sie wertzuschätzen: All die Leistungen, die wir bewundern, all die Menschen, die wir großartig finden, die haben sich nie an die durchschnittliche Vernunft verloren. Deshalb rate ich den Unternehmen immer: Ihr müsst Widerspruch organisieren! Ihr müsst Leute holen, die eine Unwucht reinbringen! Die anders sind! Und ihr solltet die Menschen nicht für Konformität belohnen, sondern für Initiative.

Wieso dominieren dann die Langweiler?

Nehmen Sie das Beispiel der Unternehmensberatungen. Die suchen ausdrücklich „insecure overachievers“, also ängstliche Ehrgeizlinge. Das werden dann Führungskräfte, die sich permanent absichern. „Cover your ass“ heißt die Methode. Und die führt dazu, dass die Bürokratie aufgebläht wird: Controlling, Compliance, Personal und so weiter. Damit will ich nicht sagen, dass diese Abteilungen unwichtige Aufgaben erfüllen. Aber sie lenken vom Wesentlichen ab: den Kunden.

Ist das nicht komplett unökologisch?

Als Radikalkapitalist sage ich: Es findet sich für jeden Bullshit ein Markt.

Kann man es besser machen, wenigstens im Kleinen? Und lernen, ein guter Chef zu sein?

Das Managen kann man lernen. Das Führen von Menschen tendenziell nicht. Man kann nicht lernen, wie man die Herzen von Menschen erreicht.

Diese Führungskurse, wo man unter Anleitung Rollenspiele machen muss, bringen nichts?

Wir haben im Unternehmen keinen Erziehungsauftrag. Auch keinen Therapievertrag. Sondern einen Kooperationsvertrag zwischen Erwachsenen. Man sollte sie demnach nicht nötigen, solche Kurse zu besuchen. Außer jemand wolle damit ein konkretes Problem angehen.

Wenn der größte Fehler von Arbeitgeberseite heute darin besteht, die Mitarbeitenden ständig zu bemuttern – was ist der größte Fehler aufseiten der Mitarbeitenden?

Dass die sich das gefallen lassen. Oder gar noch einfordern! Es ist doch pervers, dass Mitarbeitende erwarten, von ihren Vorgesetzten motiviert zu werden wie Schüler von ihrem Lehrer. Es ist würdelos, Gehalt dafür zu erwarten, dass man morgens pünktlich am Arbeitsplatz erscheint, und es gar für bonusrelevant hält, sich dann auch noch zu bewegen.


„Der Querkopf“

Wenn Reinhard K. Sprenger, 66, laut Financial Times „der einzige Management-Guru, der diesen Titel wirklich verdient“, über Jahresgespräche redet, wird es lustig. Der Doktor der Philosophie zerpflückt sie so genüsslich wie unerbittlich, und die Firmen, die daran festhalten, dazu. Sprenger beleuchtet formelle Themen der Arbeitswelt auf überraschende Weise, was wohl Grund dafür sein dürfte, dass sich seine zahlreichen Werke hervorragend verkaufen – sein Klassiker „Mythos Motivation“ (2010) etwa bis heute 800 000 Mal. Sprenger lebt in Winterthur und Santa Fe, New Mexico, wo er derzeit an einem neuen Buch über Konflikte schreibt.


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