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Manche sind in der analen Phase stecken geblieben.

Manche sind in der analen Phase stecken geblieben.

Unglaublich guter Beitrag von Gerd Gigerenzer – einer der bekanntesten Risikoforscher Deutschlands. Quelle: DER SPIEGELSätze, die auch während und nach „Corona“ für die Ewigkeit sind. Diese Auszüge sind eigentlich schon eine komplette Anleitung für Manager!

Risikokompetenz!

… als Wissenschaftler versuche ich zu beobachten und zu verstehen, wie Menschen sich verhalten.

Angst sichert unser Überleben. Das Objekt der Angst aber, also wovor wir uns fürchten, müssen wir verstehen lernen…

Wir sprechen als Wissenschaftler von Schockereignissen, das sind Situationen, bei denen in kurzer Zeit relativ viele Menschen ums Leben kommen – diese Situationen lösen besondere Angst aus. Pandemien und Flugzeugabstürze sind Beispiele. Umgekehrt ist es relativ schwer, uns Angst zu machen, wenn die gleiche Zahl Menschen, oder auch mehr, Jahr für Jahr ums Leben kommt. Die normale Grippe und Autounfälle sind Beispiele. So erklärt sich ein Teil der Angst vor dem Coronavirus: Es ist ein Schockereignis. Vor zwei Jahren gab es dagegen in Deutschland geschätzt 25.000 Tote durch bekannte Grippeviren. Diese Menschen haben so gut wie keine Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten.

Mitdenken! Verhalten ändern!

Mehr mitdenken und das Verhalten so ändern, dass das Virus wenig Möglichkeit hat, sich auszubreiten. Also, informiert und entspannt statt ängstlich und panisch handeln. Und sich erinnern, dass man eine Krise gemeinsam bewältigen muss – also solidarisch statt egoistisch handeln. All das ist Risiko-Kompetenz. Wir unterscheiden Risiken, die man berechnen kann, und solche, die man nicht berechnen kann. Die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ist eben nicht präzise berechenbar, man kann sie nur mit verschiedenen Modellen abschätzen. Wir erleben eine Situation von Ungewissheit.

Hier ist es wichtig zu lernen, mit Ungewissheit zu leben, statt nach Sicherheiten zu suchen, die es nicht gibt.

Es ist in solchen Situationen wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. Marie Curie sagte den schönen Satz: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen.“ Jetzt ist es an der Zeit, mehr zu verstehen, um gut durch die Krise zu kommen.

Denken hilft! Mut auch!

Denken hilft, aber man braucht auch Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.Wir sollten versuchen, die Fernsteuerung unserer Emotionen durch Mitmenschen, deren Gefühlsreaktionen uns bei der Risikobewertung anstecken, wieder in die eigene Hand zu nehmen. 

Es ist wichtig, offen und ehrlich zu sein. Es gilt zu sagen: Erstens, das wissen wir; zweitens, das wissen wir nicht; drittens, das tun wir, um es in Zukunft zu wissen; und viertens: Das können Sie in der Zwischenzeit tun.

Lust an Verantwortung

Kleinkinder brauchen absolute Sicherheit. Erwachsenwerden bedeutet, dass man risikokompetent wird und die Illusion der Sicherheit begräbt. Es bedeutet auch, dass wir lernen, unseren Verstand ohne Leitung anderer zu benutzen.

Wir brauchen in unserer Gesellschaft ein positives Denken über Ungewissheit und eine Lust an Verantwortung. Hätten wir eine Kristallkugel und wüssten die Zukunft mit Sicherheit, dann wäre unser Leben sehr langweilig. Unsere Emotionen, auch die schönen wie Hoffnung und Überraschung, würden alle wegfallen. Leben heißt Ungewissheit. Und Wissenschaft ebenso.


Und das Klopapier? Haben Sie eine Erklärung dafür – und wie haben Sie als Risikoforscher vorgesorgt? Freud würde wohl sagen, manche Deutschen sind in der analen Phase stecken geblieben. Wenn eine Krise kommt, dann zieht man sich auf das stille Örtchen zurück, der sicherste Platz der Welt.


Gerd Gigerenzer

Gerd Gigerenzer, geboren 1947, ist einer der bekanntesten Risikoforscher Deutschlands. Er ist Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz an der Universität Potsdam. Der Psychologe war vorher u. a. Direktor des Zentrums „Adaptive Behavior and Cognition“ (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und am Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung, München. Das Gottlieb Duttweiler Institut zählt Gigerenzer zu den 100 einflussreichsten Denkern der Welt.

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