Spotify: Höhnischer Helfer in der Krise?


Spotify: Höhnischer Helfer in der Krise?

Spotify ruft seine Abonnenten zu Geldspenden für die Künstler auf – und präsentiert sich mit diesem Modell als ein merkwürdiges Negativ-Beispiel. Oder was denken Sie?

Im eigenen Brei

Ich möchte hier nicht zum Rundumschlag gegen das Geschäftsmodell der schwedischen Streaming-Plattform ausholen. Spotify bedient ein bestimmtes Muster. Algorithmen errechnen die Popularitätsfähigkeit von Musik: Was wird ein gutes Produkt und was nicht? Das lässt keine musikalischen Disruptionen mehr zu. Es geht nur noch darum, was Hörer laut Algorithmus gerne hören und was nicht. Genauso wandeln wir auf Facebook nur in unserer eigenen Informationsblase oder erhalten von Amazon nur Produkte, die uns am wahrscheinlichsten gefallen. 

Die Disruption unseres eigenen Diskurses, der Denkanstoß aus unserer Bubble in eine andere Richtung, weg von unserer Komfortzone, findet nicht mehr statt. Es ist wie mit der Massenware: So wie Schweinehackfleisch im Angebot bei einem Discounter zu 3,99 EUR das Kilo. Aber gut, jedem sein Geschäftsmodell.

Stell Dir vor: Niemand hätte die Stones gehört

Jetzt sind Musiker allerdings Kreative. Sie gestalten und kreieren Neues. Hätte es Spotify schon vor 50 Jahren gegeben, hätte es die Beatles, Stones, Elvis oder Chuck Barry wahrscheinlich nie gegeben. Denn: Sie wurden von der Masse anfangs abgelehnt – und wären vom Spotify-Algorithmus als nicht zukunftsfähig eingestuft worden. Aber nehmen wir auch das jetzt einfach mal so hin, dass Spotify den Künstlern fast gar nichts auszahlt und dass wir Hörer in einem Algorithmus-Brei aus gleich klingenden Musikangeboten baden.

Botenlohn vom Konsumenten?

Sich jetzt aber als Corona-Helfer für die Künstler hinzustellen und die Abonnenten aufzufordern, ein „Trinkgeld“ zu zahlen, ist zynisch, höhnisch, verachtend und ein voller Schuss in den Ofen. Eine Sauerei. Musik den Künstlern zu Ramschpreisen zu „vergüten“ und die Käufer dann zu Almosen, zu einem Botenlohn, einer Opfergabe aufrufen? Autsch! Wie Daniel Gerhardt in ZEIT ONLINE vom 29. April 2020 schrieb: „Haste mal nen Cent für die armen Künstler?“

Wenn dieses kranke „Hilfsmodell“ Schule machte, könnte auch Netflix sagen: „Obwohl wir unseren Abonnenten schon 15 Euro monatlich aus der Tasche ziehen, fordern wir sie nun noch dazu auf, ihre Lieblingsschauspieler mit einem Trinkgeld zu unterstützen.“ Oder wenn Primark sagen würde: „Wir kümmern uns zwar einen Dreck um die Lebenszustände unser Hersteller aus Bangladesch – aber wir möchten ihnen helfen, indem ihr Käufer jetzt einen drauflegt.“ In dieser Denke ist doch ganz klar der Wurm drin! Haltung sieht anders aus!

Die Künstlerinnen und Künstler haben etwas besseres verdient als dieses Spotify-Almosen-Modell!

Was meinen Sie?

Sehen sie Spotifys Trinkgeld-Aktion als solidarische Hilfe oder als zynische Heuchelei?


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