Wenn es sich falsch anfühlt, ist es falsch! – If it feels wrong, it is wrong!

Werden Compliance-Regeln restriktiv gehandhabt, bremsen sie schlimmtenfalls den Unternehmenserfolg. Wie viel Regelwerk ist also sinnvoll? … fragt Gastkommentator Ulvi Aydin und plädiert dafür, den gesunden Menschenverstand nicht zu vergessen.

Es gab eine Zeit, vor gut dreißig Jahren, da waren in einigen Branchen Bordellbesuche nach Geschäftstreffen üblich. Auch andere unmoralische Geschenke, wie teure Uhren, gehörten zur Pflege von Geschäftsbeziehungen. Was damals schon nicht mit den offiziellen ethischen Grundprinzipien der Unternehmen vereinbar war, wird heute gar nicht mehr praktiziert. Und das ist auch richtig so! Laut KPMG sehnen sich Unternehmen heute sogar nach ISO-Standards für Compliance-Richtlinien. Dabei sollte es doch eigentlich ausreichen, einfach mal seinen gesunden Menschenverstand zu nutzen.

Sind strenge Regeln sinnvoll oder kafkaesk?

Eine Theateraufführung von Kafkas „Das Schloss“ im Theater Bremen: Der Protagonist, der mit dem unüberwindbaren bürokratischen Apparat des Schlosses kämpft, steht auf einem Laufband. Egal, was er unternimmt und wie schnell er rennt – er kommt nicht vom Fleck. Zu viele Regeln machen es ihm unmöglich, zum zuständigen Beamten zu gelangen.

Compliance ist zwar wichtig und für Unternehmen wie Banken und Finanzdienstleister sogar überlebenswichtig. Zu viele Compliance-Regeln können sich aber auch selbst im Weg stehen. Ich habe schon Unternehmen erlebt, die sich aufgrund ihrer überregulatorischen Compliance-Politik einen schweren Bremsklotz ans Bein gehängt haben – und ähnlich wie der Protagonist von Kafka nicht vorankamen. Wie viel Regelwerk ist also gesund?

Im Zweifel zahl den Kaffee selbst!

Wichtig bei der Flut an überzogenen Richtlinien ist, neben Recht auch einfach den gesunden Menschenverstand einzusetzen. Habe ich ein Geschäftsessen mit einem Anbieter und weiß nicht, ob ich mich von ihm einladen lassen darf? Dann zahl ich eben selbst! Werde ich über meine Arbeit von einem Kunden zu einem Kongress eingeladen, der mir und meiner Frau Flug, Hotel und einen Chauffeur bezahlt – klingt das nicht komisch? Fühlt sich das richtig an? Ich bin ja nicht zum Urlaub auf dem Kongress.

Anstand und gesunder Menschenverstand sind auch beim Thema Compliance die wichtigsten Komponenten. Ist mein moralisches Wertegerüst intakt, denke ich nicht darüber nach, wie ich persönlich Profit aus Geschäftsbeziehungen schlagen kann. Vielmehr frage ich mich, wie ich zum Erfolg meines Arbeitgebers beitragen kann. Oder?

Der moralische Kompass

Geschenke für Kunden oder andere Stakeholder sind ein weiteres Beispiel. Ist es richtig, wenn ich vom Kunden eine 10.000 Euro teure Rolex erhalte? Wem hier nicht die Alarmglocken schrillen, der sollte die Nadel seines moralischen Kompasses einmal korrigieren lassen. Neben Kündigung können solche Geschenkannahmen nämlich vor allem eines zerstören: das eigene Image. Und Image ist das, was übrigbleibt, wenn man nicht mehr da ist.

Der Rechtsanwalt Sebastian Longrée gibt auf dem Blog seines Unternehmens noch einen nützlichen Tipp zum Thema Compliance und Geschenke: Wer weder Strafgesetze noch Compliance-Richtlinien verletzen möchte, sollte auf die Geschenke „Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Respekt“ setzen. Diese seien „gegenüber Mitarbeitern, Kollegen, Geschäftspartnern und sogar Amtsträgern unbedenklich.“


If compliance rules are handled restrictively, they at worst slow down the company’s success. How much set of rules makes sense? … asks guest commentator Ulvi Aydin and advocates not forgetting common sense.

There was a time, a good thirty years ago, when brothel visits to business meetings were commonplace in some industries. Other immoral gifts, such as expensive watches, were part of maintaining business relationships. What at that time was not compatible with the official ethical basic principles of companies is no longer practiced today. And that’s absolutely right! According to KPMG, companies today even crave ISO standards for compliance guidelines. It should actually be enough to just use his common sense.

Are strict rules meaningful or kafkaesk?

A theatrical performance by Kafka’s „Das Schloss“ at the Bremen Theater: The protagonist who fights with the insurmountable bureaucratic apparatus of the castle stands on a treadmill. No matter what he does and how fast he runs – he does not budge. Too many rules make it impossible for him to get to the responsible official.

Although compliance is important and even vital for companies such as banks and financial service providers. Too many compliance rules can also get in the way. I have already seen companies that have hung a heavy brake on their legs because of their over-regulatory compliance policy – and similar to how the protagonist of Kafka did not progress. How much set of rules is healthy?

If in doubt, pay the coffee yourself!

Important in the flood of exaggerated guidelines is – in addition to law – an easy to use common sense. Do I have a business lunch with a supplier and I do not know if I can be invited by him? Then I’ll pay for it myself! Do I get invited by my client to a convention that pays me and my wife’s flight, hotel and chauffeur – doesn’t that sound odd? Does that feel right? I’m not on vacation at the congress.

Decency and common sense are also the most important components of compliance. If my moral worthiness is intact, I do not think about how personally I can profit from business relationships. Rather, I wonder how I can contribute to the success of my employer. You agree, don’t you?

The moral compass

Gifts for customers or other stakeholders are another example. Is it right for me to receive from the customer a 10,000 Euro Rolex? Anyone who does not raise the alarm here should have the needle of his moral compass corrected once. In addition to termination, such gift assumptions can destroy one thing above all else: one’s own image. And image is what’s left over when you’re gone.

The lawyer Sebastian Longrée gives on his company’s blog a useful tip on compliance and gifts: Who wants to violate neither penal laws nor compliance guidelines, should put on the gifts „attention, friendliness and respect“. These are „harmless to employees, colleagues, business partners and even public officials.“


!AYCON – rest assured!                                    
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